Bilder der Wahrheit, Bilder der Objektivität

Bilder der Wahrheit, Bilder der Objektivität

Diese kurze und unvollständige Zusammenfassung der Theorie, die im gleichnamigen Text von Lorraine Daston beschrieben wird. Diese Zusammenfassung wird überarbeitet und mit Hilfe neuerer Texte in den kommenden Monaten kontextualisiert unter den Vorzeichen von Erinnerungskultur, Gedächtnisforschung und Fortschrittserzählungen. Diese Zusammenfassung dient lediglich einer einfacheren Lektüre des Textes von Lorraine Daston und einer Deutung einzelner Stellen dessen.

 

Bilder der Wahrheit konnten freihändig oder mit einer Camera Obscura gezeichnet werden. Die Skelette von Albinus wurden offen idealisiert, während andere wie Linné lediglich schematisierten. Zentral für die Forscher jener Zeit, war die umfangreiche Erfahrung und die Fähigkeit zu synthetisieren, also Gemeinsamkeiten vieler Exemplare oder Phänomene herauszudestillieren und so ein einziges Bild herzustellen, welches für eine ganze Klasse stand. Der Beobachter betrachtete die Phänomene mit dem Auge des Geistes, nicht mit dem Auge des Körpers. Er suchte nach einer tieferen Wahrheit. Der Beobachter war also eine Art theoriegeleiteter Klassifikator, der auswählte, synthetisierte und urteilte. Dies nennt man Realismus. Im Gegensatz zu diesem steht der Naturalismus. Forschen und illustrieren im Sinne des Naturalismus bezieht sich viel stärker auf individuelle Ausprägungen und die ‚unbestimmten und schwankenden’ Erscheinungen gewisser Phänomene und Arten.

Mitte des 19. Jahrhunderts veränderte sich die Grundhaltung der Wissenschaften in ihrem Anspruch. Es war zu dieser Zeit, als die Objektivität an Wichtigkeit gewann. Als beispielsweise der französische Neurologe in Verdacht kam, seine eigenen Vorurteile und Haltungen in seine Forschung einfliessen zu lassen, sah er einen Ausweg in der Fotografie. Er wollte die unpersönliche und authentische Reproduktion mit allen Details erreichen. Die Fotografie ermöglichte ihm dies zu einem grossen Teil. Auch der Bakteriologe Robert Koch versuchte dies, um subjektvie Projektionen auszurotten. Zwar empfand er die Reduktion der Wirklichkeit auf eine zweidimensionale Ebene als verfälschend, eine Fotografie sei jedoch in jedem Fall einer Zeichnung vorzuziehen, da die Zeichnung immer schöner als das Original sei. Die Fotografie, so Koch, ermöglicht es, das Phänomen oder das Exemplar fast direkt und unverfälscht dem Publikum vorzulegen.

Fotografie hatte in der Rhetorik der Objektivität klar eine wichtige Rolle. Diese war jedoch nicht eine wirklich substanzielle. Die Fotografie war Sinnbild für die ‚von Menschenhand unberührten Bilder’. In Wirklichkeit war aber schon damals Retusche alltäglich, was die wirkliche Objektivität der Bilder stark verfälschte. Auch versuchten wie in den früheren Atlanten auch Wissenschaftler, die mit Fotografie arbeiteten, Typen herzustellen, indem sie bspw. Eine Reihe von Negativen übereinanderlegten.

Objektive Fotografie war nur eine Variante der wissenschaftlichen Fotografie. Weitere Möglichkeiten in der wissenschaftlichen Fotografie fand man bspw. In der Fotografie mit ultraviolettem Licht. Doch die Fotografie ermöglichte noch viel mehr. Es konnten nun Dinge wie der Vogelflug oder zerstäubende Tropen sichtbar gemacht werden, die sonst nie sichtbar gewesen sind für das menschliche Auge. Die neue Detaildichte von Fotografien prägten insbesondere die Naturgeschichte. Besonders bewunderte man auch die Einsparung von Arbeit, die durch die Fotografie getätigt werden konnte. So kann man nahezu mühelos kleinste Details aufnehmen.

Bald gewann jedoch ein weiteres, neues Argument an Wichtigkeit: Die Objektivität und die Spontaneität der Bilder. Die Fotografie, so versprach man sich, würde ein Bild liefern, welches nahezu volkommen frei von menschlicher Intervention war. Was noch im 18. Jahrhundert zum guten Ton gehörte war nun schlecht angesehen. Man wünschte sich Abziehbilder der Natur oder wie Talbot sagte: „von der Hand der Natur geprägte“ Bilder. Diese Lebendigkeit und Vernatürlichung der Fotografie war sehr stark. Die Fotografie wurde selbst fast als Teil der Natur angesehen, so dass man bereits von einer Entdeckung der Fotografie sprach.

Die beiden Argumente – Objektivität, aber auch Detailliertheit – manfestierten sich auch in der ersten grossen Atlas-Publikation von Alfred Donné, im sogenannten Cours de microscopie complémentaire des études médicales. Nebst vielen Zeichnungen, beinhaltete der Atlas auch Fotografien von sehr komplexen Strukturen.

Die Daguereotopie wurde als neue Form der wissenschaftlichen Illustration an verschiedenen Orten bekannt. Der Salon von 1959, welcher zum ersten Mal auch Fotografien an einer offiziellen Pariser Kunstausstellung zeigte, spaltete die Meinungen stark. Charles Baudelaire, der bekannte französische Poet, der unter anderem ‚Les fleurs du mal’ schrieb, empfand die Fotografie damals als sklavisch und gänzlich unkünstlerisch. Eine Kunst, die sich vor der äusserlichen Natur niederwerfe, sei keine. Individualität und Fantasie gingen verloren, so Baudelaire. Und tatsächlich: Individuelle Interpretation und die zuvor stets angepriesene tiefere Wahrheit wurde in der Fotografie nicht mehr als das höchste Gut angesehen. Viel eher war sie, wie es Kritiker gerne nannten, eine mechanische Kopie der Wirklichkeit, vom Pinsel der Natur gemalen.

Fotografen, Wissenschaftler und Publikum waren sich natürlich bewusst, dass die Fotografien auch retuschiert werden konnte, was dazumal – zumindest in der kommerziellen Fotografie – alltäglich war. Doch der Mythos des Abdruckes der Natur, des einzig vom Lichte gezeichneten Bildes, blieb erhalten.

Die Fotografie galt als wissenschaftlich, weil sie einer wissenschaftlichen Subjektivität entgegenwirkte. Die Subjektivität wurde damals als bewusste oder unbewusste Überblendung der Natur mit dem Wünschenswerten oder dem Erhofften des Wissenschaftlers verstanden.

Wahrheit wurde jedoch nicht von Objektivität verdrängt oder abgelöst. Auch wenn zu unterschiedlicher Zeit an unterschiedlichen Orten, verschiedene Gewichtungen und Ansprücha von Objektivität und Wahrheit vorherrschten, so wurde keine der beiden Tugenden abgelöst. Grosse Auseinandersetzungen zwischen Vertretern der einen und Vertretern der anderen Tugend, begleiteten die wissenschaftliche und künstlerische Entwicklung der Fotografie.

In den 1870er Jahren gewann die Objektivität in einigen Bereichen und Orten an Überhand. Die Selbstdisziplin, in wissenschaftliche Bilder nicht zu interpretieren oder intervenieren wurde zur Regel. Wegen immer stärker schwindendem Vertrauen in die Wissenschaft, begannen Wissenschaftler sich Sorgen um die wissenschaftlichen Gewissheiten zu machen.

Wissenschaftliche Erkenntnis war nicht von langer Dauer. Theorien wurden schnell aufgestellt, bewiesen und wieder verworfen und durch eine andere ersetzt. Der Widerstand der Öffentlichkeit gegen das unständige und so variable Wissen und der gleichzeitige Schwindel erregend schnelle wissenschaftliche Fortschritt beförderte der Wunsch nach einem sicheren und dauerhaften Kern von Wissen und Fakten. Die Objektivität erhielt also auch die Funktion einer Rettenden Insel vor der flutenden Wahrheit. Objektivität ist der Rückzug von Wahrheit.

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