Erste Zeichen – Gertrud Luckner

Erste Zeichen – Gertrud Luckner

Ein ganz kleiner, unvollständiger Einblick in das Leben einer Frau, mit deren Geschichte und Schaffen ich mich zurzeit beschäftige. Im Zentrum meiner Recherchen steht ihr Werk und Leben in Bezug auf den jüdisch-christlichen Dialog, den sie massgeblich geprägt hat.

Gertrud Luckner, die 1900 in Liverpool geboren wurde und mit ihren Eltern nach nach Deutschland ausreiste, gehört zu den Frauen, die in der Geschichte immer wieder vergessen gehen. Ihre mutigen und tapferen Taten werden in die unterste Schublade im hintersten Zimmer der Archive und Bibliotheken versteckt und kaum je hervorgeholt. Geschichten, wie sie meist anonymisiert werden und nur kollektiv erzählt werden, als irrelevant abgetan werden oder ganz vergessen gehen. Doch die Geschichten sind bewegend, inspirierend, gnadenlos und voller Tapferkeit. Die Geschichten Gertrud Luckners sind bis heute kaum erzählt worden (es gibt zwei Monographien über sie und ein Referat, welches annähernd biographisch berichtet). Es sind die Geschichten einer Widerstandskämpferin, Katholikin, Sozialarbeiterin, Volkswirtin, Caritas-Mitarbeiterin während dem Nazi-Regime und  von der Gestapo politisch überwachten, gefangenen und gefolterten Frau, die ihr Leben aufs Spiel setzte, um jene einer Vielzahl von Juden zu schützen und zu retten.

Als Jane Hartman geboren, wurde sie einige Jahre später von der Familie Luckner adoptiert. Häufige Krankheit und der erste Weltkrieg haben ihr Abitur verzögert. Für diese Zeit ungewöhnlicherweise, begann sie danach ihre Studien der Volkswirtschaft in Königsberg, Frankfurt am Main, Birmingham und Freiburg. Bereits während ihrem Studium war sie zur Kämpferin gegen Diskriminierung geworden. So engagierte sie sich in der Quäker-Bewegung (sie distanzierte sich später nach und nach) und im Friedensbund deutscher Katholiken. Sie war und blieb vom Pazifismus fest überzeugt.

Bereits 1932, noch vor der ‚Machtergreifung‘ der Nazis, rief sie zu den Juden aus, „Heraus aus diesem Lande!“ und sah die grosse Katastrophe kommen. Ihr Gespür für die politische Stimmung und die drohende Katastrophe ist verblüffend. Schon in den zwanziger Jahren hat sie den Krieg kommen sehen. Von Beginn an, hat sie sich dem Widerstand gegen den Krieg und das autoritäre Regime verschrieben. Als katholische Deutsche unterstützte sie in ihrer Arbeit bei der Caritas (welche später gleichgeschaltet wurde) die Deutschen Juden in verschiedenster Weise. Erst durch moralische Unterstützung, das Anstossen und Organisieren von Demonstrationen und dadurch, dass sie sich öffentlich auf ihre Seite stellte, später dann durch Transportfahrten über die Schweizer Grenze und den Transport von Geld und Waren. 

Die Gestapo war schon seit 1933 auf sie angesetzt worden und bespitzelte sie aktiv. Nach einer Denunziation 1942 sollte die Überwachung aber verstärkt werden. Der Versuch, ein jüdisches Kind (Vater deportiert, Mutter tot durch Suizid) bei einer arischen Familie unterzubringen, wurde ihr zum Verhängnis. Gefasst. Ins Gefängnis. Interniert im KZ-Ravensbrück als Politische. Auch im KZ immer dabei: Die erzbischöfliche Bekundung ihres Arbeitsauftrags.

«Frl. Doktor Gertrud Luckner ist von uns mit der Durchführung notwendiger Aufgaben der außerordentlichen Seelsorge betraut.»

Verständigung, Dialog und der unermüdliche Kampf für Frieden und gegen Diskriminierung – so lässt sich Luckners Geschichte zusammenfassen (zumindest das, was ich bis jetzt über sie weiss – ich hoffe doch, das wird noch viel mehr). Die Denunzianten stellte sie zur Rede – von Rachegefühl keine Spur.
Die Ehrung durch den Staat Israel, berichtet in der Social Service Review

«Sie steht in Deutschland an der Spitze derer, die sich um die Versöhnung mit den Juden kümmern […]», schrieb der Abgeordnete des Deutschen Bundestag, Heinrich Höfler, über Luckner. Das Erbe Luckners ist ein grosses. Neben ihrer mutigen Taten leistete sie vor, aber auch nach (!) dem Krieg und dem Nazi-Regime, entscheidende Beiträge zum jüdisch-christlichen Dialog, welche bis heute nachhallen und wichtige Bestandteile und Objekte in der Forschung zu jüdisch-christlichem Dialog sind. 

Ihr Büchernachlass, wenn auch unvollständig (wegen Sabotage und Denunziation), zeugen von grossem Interesse in verschiedensten Bereichen der Theologie, Judaistik und den Sozialwissenschaften. Rosenzweig, Buber, Leo Baeck und viele weitere Autoren, die Anstrengungen im interreligiösen Dialog unternahmen, finden sich darin. Kurz nach der Befreiung aus Ravensbrück, gründete sie die Freiburger Rundbriefe, eine Zeitschrift, die, wie kaum eine andere, die Geschichte des jüdisch-christlichen Dialogs wiederspiegelt und reflektiert. Ziel, war der Dialog «von Mensch zu Mensch», wie Luckner so gerne sagte. Ein Projekt, dass nur wenige Menschen so geprägt haben wie sie.

Luckner war eine inspirierende Persönlichkeit. Menschen wie sie zu würdigen, ist heute wichtiger denn je. Noch nie waren so viele Menschen auf der Flucht vor Elend und Zerstörung. Populismus von rechts, antifeministische Strömungen und Bewegungen erhalten Aufschwung, finden Einsitz in nationalen Parlamenten (in der Schweiz schon viel zu lange) und die wahrhaftigen Probleme der Arbeitenden werden entpolitisiert, während Gleichstellungsfachstellen geschlossen (Kanton Aargau und seine miese Regierung) und Menschenrechte angegriffen werden.

Wir alle sollten uns Frauen wie Gertrud Luckner zum Vorbild nehmen, unsere kritische Haltung in aktiven und passiven Widerstand umwandeln und den faschistoiden Tendenzen in der Schweiz und der Welt Einhalt gebieten – in den Parlamenten und ausserhalb. Lasst uns Netzwerke bilden, Salons, Aktionen, Boykotts und Streiks planen, an unseren Visionen arbeiten und zivilgesellschaftliche Gegenbewegungen und Projekte starkmachen. Lasst uns das Schweigen brechen, die Verharmlosung der SVP immer und immer wieder laut anklagen und mit aller Kraft für Freiheit, Gleichheit und Solidarität einstehen.

„Wer kämpft, kann gewinnen. Wer nicht kämpft hat schon verloren“ – Urheber*in umstritten, trotzdem genial.


Weiterführende Literatur zu Gertrud Luckner: 

Wollasch. Gertrud Luckner : „Botschafterin der Menschlichkeit. Freiburg im Breisgau: Herder, 2005. Print.

http://www.glg-freiburg.de/home/gertrud-luckner/

Phayer, M. (2001). Questions about Catholic Resistance. Church History, 70(2), 328-344. Retrieved from http://www.jstor.org/stable/3654456

Büchernachlass von Gertrud Luckner: https://freidok.uni-freiburg.de/data/11122

Honors. (1961). Social Service Review, 35(1), 79-80. Retrieved from http://www.jstor.org/stable/30016836
Bildquelle: https://www.swr.de/swr2/stolpersteine/menschen/gertrud-luckner-freiburg/-/id=12117596/did=13825922/nid=12117596/1mx0c5i/index.html
Bericht im SWR: https://www.swr.de/kaffee-oder-tee/kreativ/gertrud-luckner-freiburg/-/id=13786478/did=13852734/nid=13786478/1s27sp9/index.html

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